Barmer Artikel (XV)

Barmer Artikel:
(1) Als Barmer Artikel wurden seit dem 18. Jahrhundert Kurzwaren wie 
Litzen, Bänder, Kordeln aus der Textilindustrie der Stadt Barmen 
(heute Stadtteil von Wuppertal) bezeichnet, 
die in alle Teile der Welt exportiert wurden. [aus: Wikipedia]
(2) Titel des Editorials zu den Programmen der Langerfelder bandfabrik

TEMPEL ODER TUNNEL

Liebe Sympathisanten, Komplizen und Freunde der bandfabrik,

zu Beginn des Jahres veröffentlichte die Gemeindeprüfungsanstalt NRW ihren Prüfbericht zur „Wirtschaftlichkeit und Rechtmäßigkeit“ in der Stadt Wuppertal.

Angesichts der Haushaltslage der Stadt empfehlen die Prüfer eine „Reduzierung
von freiwilligen Zuschüssen und Kooperationen auch im kulturellen Bereich“. Dabei heben sie lobend hervor: „Positiv sind die bisherigen Konsolidierungserfolge in diesem Bereich wie z.B. die Schließung des Schauspielhauses sowie fünf Bäder zu bewerten.“
Auch der Stellenabbau im Servicewesen der Kommune wird positiv bewertet.

Gerade in einer Zeit, die kulturellen Austausch benötigt – mithin gegenseitiges Wahrnehmen und der Versuch, zu verstehen, nachzufühlen, Gemeinsamkeit zu finden und Anderssein anzuerkennen und zu schätzen – werden Kultur und Kunst zum Überlebensfaktor einer Stadt.

In dieser Zeit einer Kommune zu empfehlen, ihre Ausgaben für das Kulturleben und für Dienstleistungen am Bürger weiter zu senken, überschreitet die Grenze zur Idiotie. Ein rein auf Zahlen gerichteter Blick, der die gesellschaftlichen Folgen des ökonomischen Handelns nicht mit bedenkt, hilft der Stadt und ihren Menschen nicht weiter. Im Gegenteil – er entzieht ihr die Zukunftsfähigkeit.

„Die Genesung der Seele braucht Orte der Ernsthaftigkeit. Die Börse ist das nicht.“, sagt Alexander Kluge. „Das Theater hat die Funktion, der Phantasietätigkeit einen Tempel zu geben.“, ergänzt er.

Solche Tempel braucht die Stadt, um Möglichkeiten des Menschseins im gesellschaftlichen Wandel erproben zu können: Theater, Konzerträume, Ideenschmieden, Utopiebaustellen, Ateliers für Text-, Bilder- und Gedankenwelten.

Dass das wirtschaftlich schwierig zu realisieren und zu betreiben ist, ist altbekannt. Aber Investitionen der Stadt in künstlerisches Tun, in Begegnung, Ideenentwicklung und Transformation, in Denk- und Spielräume sind Investitionen in ihre Zukunft.

Eine kurzsichtige Gemeindeprüfungsanstalt mit Tunnelblick hingegen sollte man sich sparen.

Wir sehen uns. In der bandfabrik.

 

 

 

 

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